Hass im Netz hat viele Opfer, taucht aber auch als „Geschäftsmodell“ auf. Ein Bericht zu unserer Medienweltenveranstaltung.

Hass im Netz

Hass im Netz hat viele Opfer, taucht aber auch als „Geschäftsmodell“ auf.

Der Medienpädagoge Christian Gürtler zeigte am Fall „Drachenlord“ auf, wie der „Hate-Speech“ aus dem Netz ins echte Leben überspringen kann.

„Hass im Netz – ein viel diskutiertes Thema“ - Martin Bosch vom gunnnet e.V. begrüßte den Medienpädagogen Christian Gürtler zur Vortragsreihe „Medienwelten“ in der Stadt- und Schulbücherei

GUNZENHAUSEN – „Ein wohliger Schauder“ - solch eine Formulierung könnte in einem altmodischen Liebesroman stehen, ist aber ein Phänomen, das auch mit Hass und Verunglimpfungen im Netz verbunden sein kann. Der Kulturwissenschaftler und Medienpädagoge Christian Gürtler hatte zu seinem Vortrag in der Reihe „Medienwelten“ interessante Thesen in die Stadt- und Schulbücherei mitgebracht. Seine These: Das Verbreiten und Konsumieren von Reality-Sendungen und Trash-Formaten wie ‚Dschungelcamp‘ ähnelt dem Verfassen und Mitlesen von Hass-Posts und befeuert Empfindungen wie Schadenfreude und Fremdschämen.

Wenn sich eine Person beispielsweise beim ‚Bachelor‘ oder bei ‚Bauer sucht Frau‘ blamiert, dann schämt man sich für diese Person, die sich so ungeschickt anstellt, man schämt sich aber auch dafür, diese Sendung anzuschauen. Christian Gürtler bringt hier den englischen Begriff „guilty pleasure“ ins Spiel und beschreibt damit Beschäftigungen, die einem Freude bereiten und von denen man nicht lassen kann, aber die man als sozial wenig erwünscht oder als kindisch empfindet und deshalb möglichst geheimhält. Ein Gefühl, das viele auch beim Verfolgen der WM-Fußballspiele in Katar hatten.

Eine Rolle bei den Hass-Posts spielt auch der Wunsch nach sozialem Vergleich: Man schaut gerne auf zu Personen, man schaut aber auch gerne auf andere herab. Im täglichen Miteinander fallen verbale Auseinandersetzungen und Angriffe auf Einzelne meist weniger drastisch aus als in der Anonymität der digitalen Welt. Christian Gürtler hat hier viel geforscht und wendet ein: „So anonym sind die meisten Posts gar nicht. Wer hinter den Alias-Namen steht, kann oft über die IP-Adresse schnell ermittelt werden.“

Gehasst und geschmäht wird besonders in den sozialen Netzwerken und auf YouTube-Kanälen, informierte der Medienpädagoge. Da braucht man nur die Kommentare von Facebook-Auftritten von Nachrichtensendern oder der Presse zu lesen. Besonders viele böse gemeinte Posts gibt es bei Twitter (dort wird aber auch inhaltlich viel diskutiert und gestritten) und bei Telegram. Bei diesem Messenger-Dienst gibt es Gruppenchats und Gruppen-Kanäle mit großen Teilnehmerzahlen und die Reichweite einzelner in solchen Gruppen ist enorm.

Für einen der bislang aufsehenerregendsten Fälle von eskalierendem Hass im Netz, den Fall „Drachenlord“, hat sich Christian Gürtler besonders interessiert und er erläuterte, wie sich aus ungeschickten YouTube-Beiträgen ein bösartiger Austausch mit Zehntausenden von Beteiligten in den sozialen Netzwerken entwickelte. In diesem Fall, der sich übrigens im fränkischen Örtchen Alt-Schauerberg zugetragen hat, haben die Chat-Teilnehmer, die sich selbst als „Hater“ bezeichnen, die Adresse des „Drachenlords“ herausgefunden und aus den virtuellen Tiraden wurden massive Angriffe. Der Ort mit allen 38 Einwohnern hat unter dem Ansturm der von Hass getriebenen Community gelitten, bis zu 800 Menschen versammelten sich, um den „Drachenlord“ aus seinem Haus zu vertreiben oder Streit mit ihm zu suchen.

Dass es so weit kam, liegt nach den Worten von Christian Gürtler auch in der Verantwortung des „Drachenlords“ selbst. Er hat auf einem mittlerweile gesperrten YouTube-Kanal eigentlich harmlose Filmchen gepostet. Diese wurden schmähend kommentiert und man machte sich lustig über den Mann mit Übergewicht, Metal-T-Shirts und einem breiten Fränkisch. Genau diese wusste der „Drachenlord“ zu nutzen. „Er hat sich eine negative Marke aufgebaut“, sagt Gürtler. Bis zu 4.000,- Euro monatlich habe der Kanal mit den zahlreichen Abonnenten verdient. Diese hatten sich längst gegen ihn formiert und es gab eine Telegram-Gruppe mit 45.000 Mitgliedern, die sich allesamt über den „Drachenlord“ lustig machten oder ihn aufs Übelste beschimpften. Dieser schlug zurück und so schaukelte sich die Online-Auseinandersetzung auf und der Hass aus dem Netz schwappte ins richtige Leben über. Mittlerweile musste der von Hass verfolgte YouTuber sein Haus verkaufen, doch das Mobbing im Netz gegen ihn geht weiter.

Der geschilderte Fall ist nur die Spitze eines Trends: Mit YouTube-Kanälen zu peinlichen Pannen und Unfällen, mit Filmen, in denen sich Leute unabsichtlich blamieren, wird ebenso Geld verdient wie mit Accounts, auf denen bösartige Angriffe auf Personengruppen oder Einzelpersonen mal als „Witze“, mal als Hetze erscheinen. Die „Währung“ ist dabei die Bildschirmzeit, die mit einer gewissen Werbezeit einhergeht.

Für den freien Diskurs in den sozialen Medien haben diffamierende Angriffe direkte Auswirkungen. Christian Gürtler, der derzeit beim Lehrstuhl Theologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen im Bereich Medien- und Spielpädagogik an seiner Promotion arbeitet, zitiert eine Studie der gemeinnützigen Organisation „HateAid“: Danach war jede und jeder zweite junge Erwachsene schon von Diffamierung, Nötigung und einer anderen Form von digitaler Gewalt betroffen. Hass-Posts verbreiten sich im Netz und eine Strafverfolgung läuft vielfach ins Leere.

Um sich gegen Hassbotschaften im Netz, die die Persönlichkeitsrechte berühren, zu wehren, gibt es auch die Möglichkeit, die Social-Media-Plattformen in die Verantwortung zu nehmen: Posts melden, Filtersoftware und Künstliche Intelligenz weiterentwickeln.

Für besonders wichtig hält der Referent Initiativen in der Medienbildung. Wobei er hier einschränkt: Mit Medienethik in der Schule und im Jugendbereich ist es nicht getan, denn besonders viele „Hater“ kommen aus der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen.

Nach dem Vortrag gab es viele Fragen an den Referenten und bei einer lebhaften Diskussion wurde klar: Auch in der Lokalpolitik und bei regional strittigen Projekten wird nicht immer fair diskutiert und in Kommentaren und Chats fehlt es mitunter am gegenseitigen Respekt. Dabei fiel auch das Stichwort: „Digitale Pubertät“, mit dem vielleicht ganz gut beschrieben ist, dass die Diskussionskultur im Netz einige entscheidende Schritte zum „Erwachsenwerden“ machen muss.

Martin Bosch vom gunnet e.V. und Babett Guthmann aus der Stadt- und Schulbücherei wiesen abschließend noch auf die kommenden Veranstaltungen der gemeinsam konzipierten Medienwelten-Reihe hin: Am Donnerstag, 16. Februar 2023, geht es beim Vortrag des Medienpädagogen Björn Friedrich um Rollenbilder von Influencern und den Einfluss solcher Online-Stars auf junge Menschen. Eine Expertenrunde zu Online-Services und Beratungsangeboten wird es am Donnerstag, 27. April 2023, unter dem Titel „Schöne digitale Welt – bin ich dabei?“ geben. Beide Veranstaltungen finden jeweils um 19:30 Uhr in den Räumen der Stadt- und Schulbücherei statt. Eintritt frei.

 

 

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„Hass im Netz – ein viel diskutiertes Thema“ - Martin Bosch vom gunnnet e.V. begrüßte den Medienpädagogen Christian Gürtler zur Vortragsreihe „Medienwelten“ in der Stadt- und Schulbücherei

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