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Stephani-Volksschule Gunzenhausen

Jahresbericht 1995/96 (Hauptschule)


Notfalltelefon

Eine nicht ganz ernst gemeinte Betrachtung

Es war ein unerträglicher Zustand. Ein stetig wachsender Anteil der im Rektorat aufgewandten Arbeitszeit entfiel darauf, jammernden, weinenden, meist völlig hilflosen, entnervten und oft keinerlei Ausweg mehr sehenden Schülern mit Hilfe der dortigen Telefone den von allen Bedrückungen und Nöten befreien sollenden Außenkontakt zu Eltern oder Verwandten herzustellen. Zeitweise quoll das Rektorat über, die Zahl der schuldhaft oder schuldlos - wer konnte und wollte das denn im Einzelfall je beurteilen? - in Not geratenen Kinder und Jugendlichen überstieg dramatisch die Kapazität der vorhandenen Diensttelefone. Die Leitung der Schule war überfordert. Es mußte eine Lösung gefunden werden, die einerseits die in der Schulleitung Tätigen entlasten könnte, andererseits aber auch den kleinen wie größeren Schülernöten gerecht werden sollte.

Das dringenden Kommunikationsbedürfnissen adäquate Ei des Kolumbus hieß und heißt immer noch: NOTFALLTELEFON - allgemein frei und zu jeder Zeit für jeden in Not geratenen Schüler ("Save my soul!”) zugänglich und nutzbar. Einzige Auflage: Alle Nöte und Gebrechen, die eine sofortige Kontaktaufnahme mit Außerschulischen unabdingbar machen, müssen mit Angabe des Datums, Namens und der Klasse aktenkundig gemacht werden.

Mit dem Datum vom 13. Februar 1995 wurden Lehrer und Schüler über diese neue Einrichtung durch eine Kurzmitteilung der Schulleitung in Kenntnis gesetzt:

"Vor dem Lehrerzimmer 1.15 wurde ein Notfall-Telefon installiert. Es steht im Nah- und Ortsbereich den Schülern zur Verfügung, die in dringenden Notfällen (z. B. bei plötzlicher Erkrankung, nicht aber, wenn sie lediglich etwas vergessen haben) zu Hause anrufen müssen.

Die Schüler tragen sich in eine Benutzerliste ein. Anrufe von der Schulleitung aus sollen vermieden werden.

Bitte informieren Sie Ihre Schüler über diese Neuerung und weisen Sie darauf hin, daß das Notfalltelefon nicht mißbraucht werden darf.”

Es kam einer Zeitenwende gleich. Die Installation des Notfalltelefons gewährte erstmals einen erschreckenden Einblick in die reale, offensichtlich qualvolle Alltagssituation des durchschnittlichen Stephani-Schülers. Jenseits aller orthographischen Bindungen und Regularien taten sich Abgründe auf, die - eigentlich unvorstellbar - bisher unerkannt und unbenannt geblieben waren.

Bereits der erste Eintrag am 14. Februar 1995 zeigt in seiner sprachlichen wie gleichzeitig inhaltlichen Komprimierung eine schier ausweglose psychosoziale Situation. Der Mensch im Grenzgebiet seiner Existenz, ein Lebensaugenblick zwischen bangender Hoffnungslosigkeit und hoffender Zuversicht. Es bleibt keine Zeit mehr für überflüssige sprachliche Schnörkel, keine Zeit mehr für randständige Probleme der Syntax oder gar der Orthographie. Eine Existenz steht auf dem wahnsinnigen Spiel. In aller, wohl nur in der fast paradigmatischen Notfallage möglichen, der verzweifelten Situation den hektisch-dramatischen Atem entziehenden, ruhigen und bestimmten, trotz allem verblüffenden Klarheit heißt es:

Busferbast

Ein Eintrag vom 15. Februar 1995 macht die Hilflosigkeit, Ausgesetztheit, Geworfenheit und Tragik eines existenziellen Notfalls mit sicherlich unbeabsichtigter sprachlicher Prägnanz deutlich:

Nasen Schwälung

Die innere Einheit ist bereits in Auflösung begriffen. Im pochenden Zweierrhythmus hören wir das Schülerblut durch einen lädierten, Heilung erflehenden Leib schießen. Nur noch der außerschulische Kontakt kann die ersehnte Linderung schaffen. Wie in so erstaunlich vielen anderen Situationen auch. Die Notfalltelefonprotokolle geben ungeschminkt und gnadenlos wieder, welch krankmachende Wirkungen die Zwänge des Schulalltags provozieren. Hier tun sich, eine exakte Situationsanalyse und die nötigen Reaktionen darauf vorausgesetzt, bisher ungeahnte Einsparungsmöglichkeiten auf, Herr Seehofer! Eine kleine Auswahl an protokollierten körperlichen Gebrechen soll den außergewöhnlichen Gesundheitsstandard der Stephani-Schule illustrieren:

Übelkeit

Bauchschmerzen

Kopfschmerzen

Kopfwhe

Übelkeit Kopfweh

Schlecht Bauchweh

Krankheit

Kopfe

Fieber

Augenschmerzen

Bauchwe

Bauchschmärzen

Schwindlig

Schmerzen schlapp

geprelter Finger

kotzübel

Schupfen Speihen

Durchfall

Beule

Ausschlag

Ohrenschmerzen

Zahnweh

Die Liste liest sich wie ein Horrorkatalog mittelalterlicher Seuchen. Der Schüler, preisgegeben der dahinraffenden Gewalt tobender Massenkrankheiten. Wobei in der Tat wohl zuweilen jede telefonisch erflehte Hilfe zu spät kam. So heißt es in einem Eintrag vom 7.11.1995 ebenso vollendet wie kurz und bündig:

Hosengemacht

Eine Steigerung ins nahezu Absurd-Jenseitige erfährt der letztgenannte Eintrag nur noch durch eine Protokollnotiz vom 11.10.1995. die die wahrhaft existenzielle Dramatik schulischen Tuns und Lassens grell ins Licht setzt:

gestorben

Nicht alle vorkommenden Krankheiten werden genauer spezifiziert, so daß der obige Horrorkatalog durchaus erweiterungsbedürftig wäre. So heißt es sehr allgemein gehalten beispielsweise

Krankheit

Auge

Ekzähne

und, die Hand bereits schmerzverkrampft, der lockeren Niederlegung eines Wortes nicht mehr fähig, doch in der Verdopplung des Buchstabens "z” eine sich dennoch ausdrückende Entstellung durch eine - ungenannt bleibende - wesentliche körperliche und geistige Funktionen bereits massiv befallen habenden Krankheit:

Zmerzen

Einige Begründungen lassen an grellbunter Drastik nichts zu wünschen übrig, werfen dennoch die Frage nach den Ursachen solch ausgeprägter körperlicher Defizite auf:

Weniger drastisch, aber nichtsdestoweniger klärungsbedürftig, erscheinen die folgenden außergewöhnlichen Einträge:

Elergie

Bauchwehkopf

Hallozinationen

Üblichkeid

Wie hieß es doch so ahnungslos in der ersten Mitteilung der Schulleitung über die Installation des Notfalltelefons:

Es steht in dringenden Notfällen (nicht aber, wenn Schüler lediglich etwas vergessen haben) den Schülern zur Verfügung.

Läßt man die Notfalltelefonprotokolle der letzten Monate Revue passieren, so befällt einen der Gedanke immer mehr, daß mit dieser Einrichtung die Zahl der Notfälle an unserer Schule wahrlich explosionsartig angestiegen ist, ja man wird den aberwitzigen Gedanken nicht los, daß die Einrichtung des Notfalltelefons erst eine Vielzahl von Notfällen geschaffen hat. Es klingt paradox: Das Notfalltelefon, entstanden aus der Absicht, Notfällen rasch und wirkungsvoll begegnen zu können, ist mittlerweile selbst zur wesentlichen Ursache für Notsituationen geworden. Sollte man deshalb das Notfalltelefon nicht sofort abschaffen? Nein, in aller Deutlichkeit: nein! Denn gäbe es diese Kommunikationsmöglichkeit nicht, würde der geregelte Unterrichtsbetrieb in unserem Schulhaus zusammenbrechen, endgültig zusammenbrechen. Denn entgegen allen Vorschriften nutzen Schüler, den Begriff Notfall Gott sei Dank sehr weit interpretierend, jenes Telefon auch in weniger dramatischen Situationen:

Vergessen

Und was wurde und wird nicht alles vergessen:

Schwimmsachen

Erdkundesachen

Sportsachen

Sachen

Brille

Schlüssel

Hefte

Mäppchen

Zeichenblock

Malkasten

Schulzeug

Strickzeug

Turnbeutel

Flöte

Blätter

TEWsachen

Turnschuhe

Geld für HW

Häkelzeug

Hustensaft

Genug, genug! Einleuchtender kann wohl kaum demonstriert werden, wie wichtig mittlerweile das Notfall-telefon zur Aufrechterhaltung regulären Unterrichts geworden ist. Kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn all die genannten Gegenstände tatsächlich nicht unterrichtlich zur Verfügung gestanden hätten. Mindestens ein gelindes Chaos wäre wohl die unausweichliche Folge gewesen. Eine solche organisatorische wie inhaltliche Stütze des Lehrens und Unterrichtens darf nicht ohne Not abgebrochen werden! Deutlicher: Das Notfalltelefon muss bleiben! Auch wenn man sich über blasse, bewusst unklare, den offensichtlichen Missbrauch dieser Einrichtung kaum verbergen könnende Einträge sicherlich weiterhin mit Recht ärgern wird:

Habe anrufen müssen

Georg Weigel
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