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Notfalltelefon
Eine nicht ganz ernst gemeinte Betrachtung
Es war ein unerträglicher Zustand.
Ein stetig wachsender Anteil der im Rektorat aufgewandten Arbeitszeit
entfiel darauf, jammernden, weinenden, meist völlig hilflosen,
entnervten und oft keinerlei Ausweg mehr sehenden Schülern
mit Hilfe der dortigen Telefone den von allen Bedrückungen
und Nöten befreien sollenden Außenkontakt zu Eltern
oder Verwandten herzustellen. Zeitweise quoll das Rektorat über,
die Zahl der schuldhaft oder schuldlos - wer konnte und wollte
das denn im Einzelfall je beurteilen? - in Not geratenen Kinder
und Jugendlichen überstieg dramatisch die Kapazität
der vorhandenen Diensttelefone. Die Leitung der Schule war überfordert.
Es mußte eine Lösung gefunden werden, die einerseits
die in der Schulleitung Tätigen entlasten könnte, andererseits
aber auch den kleinen wie größeren Schülernöten
gerecht werden sollte.
Das dringenden Kommunikationsbedürfnissen
adäquate Ei des Kolumbus hieß und heißt immer
noch: NOTFALLTELEFON - allgemein frei und zu jeder Zeit für
jeden in Not geratenen Schüler ("Save my soul!)
zugänglich und nutzbar. Einzige Auflage: Alle Nöte und
Gebrechen, die eine sofortige Kontaktaufnahme mit Außerschulischen
unabdingbar machen, müssen mit Angabe des Datums, Namens
und der Klasse aktenkundig gemacht werden.
Mit dem Datum vom 13. Februar 1995 wurden
Lehrer und Schüler über diese neue Einrichtung durch
eine Kurzmitteilung der Schulleitung in Kenntnis gesetzt:
"Vor dem Lehrerzimmer 1.15 wurde
ein Notfall-Telefon installiert. Es steht im Nah- und Ortsbereich
den Schülern zur Verfügung, die in dringenden Notfällen
(z. B. bei plötzlicher Erkrankung, nicht aber, wenn sie lediglich
etwas vergessen haben) zu Hause anrufen müssen.
Die Schüler tragen sich in eine
Benutzerliste ein. Anrufe von der Schulleitung aus sollen vermieden
werden.
Bitte informieren Sie Ihre Schüler
über diese Neuerung und weisen Sie darauf hin, daß
das Notfalltelefon nicht mißbraucht werden darf.
Es kam einer Zeitenwende gleich. Die
Installation des Notfalltelefons gewährte erstmals einen
erschreckenden Einblick in die reale, offensichtlich qualvolle
Alltagssituation des durchschnittlichen Stephani-Schülers.
Jenseits aller orthographischen Bindungen und Regularien taten
sich Abgründe auf, die - eigentlich unvorstellbar - bisher
unerkannt und unbenannt geblieben waren.
Bereits der erste Eintrag am 14. Februar
1995 zeigt in seiner sprachlichen wie gleichzeitig inhaltlichen
Komprimierung eine schier ausweglose psychosoziale Situation.
Der Mensch im Grenzgebiet seiner Existenz, ein Lebensaugenblick
zwischen bangender Hoffnungslosigkeit und hoffender Zuversicht.
Es bleibt keine Zeit mehr für überflüssige sprachliche
Schnörkel, keine Zeit mehr für randständige Probleme
der Syntax oder gar der Orthographie. Eine Existenz steht auf
dem wahnsinnigen Spiel. In aller, wohl nur in der fast paradigmatischen
Notfallage möglichen, der verzweifelten Situation den hektisch-dramatischen
Atem entziehenden, ruhigen und bestimmten, trotz allem verblüffenden
Klarheit heißt es:
Busferbast
Ein Eintrag vom 15. Februar 1995 macht
die Hilflosigkeit, Ausgesetztheit, Geworfenheit und Tragik eines
existenziellen Notfalls mit sicherlich unbeabsichtigter sprachlicher
Prägnanz deutlich:
Nasen Schwälung
Die innere Einheit ist bereits in Auflösung
begriffen. Im pochenden Zweierrhythmus hören wir das Schülerblut
durch einen lädierten, Heilung erflehenden Leib schießen.
Nur noch der außerschulische Kontakt kann die ersehnte Linderung
schaffen. Wie in so erstaunlich vielen anderen Situationen auch.
Die Notfalltelefonprotokolle geben ungeschminkt und gnadenlos
wieder, welch krankmachende Wirkungen die Zwänge des Schulalltags
provozieren. Hier tun sich, eine exakte Situationsanalyse und
die nötigen Reaktionen darauf vorausgesetzt, bisher ungeahnte
Einsparungsmöglichkeiten auf, Herr Seehofer! Eine kleine
Auswahl an protokollierten körperlichen Gebrechen soll den
außergewöhnlichen Gesundheitsstandard der Stephani-Schule
illustrieren: Übelkeit Bauchschmerzen Kopfschmerzen Kopfwhe Übelkeit Kopfweh Schlecht Bauchweh Krankheit Kopfe Fieber Augenschmerzen Bauchwe Bauchschmärzen Schwindlig Schmerzen schlapp geprelter Finger kotzübel Schupfen Speihen Durchfall Beule Ausschlag Ohrenschmerzen
Zahnweh
Die Liste liest sich wie ein Horrorkatalog
mittelalterlicher Seuchen. Der Schüler, preisgegeben der
dahinraffenden Gewalt tobender Massenkrankheiten. Wobei in der
Tat wohl zuweilen jede telefonisch erflehte Hilfe zu spät
kam. So heißt es in einem Eintrag vom 7.11.1995 ebenso vollendet
wie kurz und bündig:
Hosengemacht
Eine Steigerung ins nahezu Absurd-Jenseitige
erfährt der letztgenannte Eintrag nur noch durch eine Protokollnotiz
vom 11.10.1995. die die wahrhaft existenzielle Dramatik schulischen
Tuns und Lassens grell ins Licht setzt:
gestorben
Nicht alle vorkommenden Krankheiten
werden genauer spezifiziert, so daß der obige Horrorkatalog
durchaus erweiterungsbedürftig wäre. So heißt
es sehr allgemein gehalten beispielsweise Krankheit Auge
Ekzähne
und, die Hand bereits schmerzverkrampft,
der lockeren Niederlegung eines Wortes nicht mehr fähig,
doch in der Verdopplung des Buchstabens "z eine sich
dennoch ausdrückende Entstellung durch eine - ungenannt bleibende
- wesentliche körperliche und geistige Funktionen bereits
massiv befallen habenden Krankheit:
Zmerzen
Einige Begründungen lassen an grellbunter
Drastik nichts zu wünschen übrig, werfen dennoch die
Frage nach den Ursachen solch ausgeprägter körperlicher
Defizite auf:
Weniger drastisch, aber nichtsdestoweniger
klärungsbedürftig, erscheinen die folgenden außergewöhnlichen
Einträge: Elergie Bauchwehkopf Hallozinationen
Üblichkeid
Wie hieß es doch so ahnungslos in der ersten Mitteilung der Schulleitung über die Installation
des Notfalltelefons:
Es steht in dringenden Notfällen
(nicht aber, wenn Schüler lediglich etwas vergessen haben)
den Schülern zur Verfügung.
Läßt man die Notfalltelefonprotokolle
der letzten Monate Revue passieren, so befällt einen der
Gedanke immer mehr, daß mit dieser Einrichtung die Zahl
der Notfälle an unserer Schule wahrlich explosionsartig angestiegen
ist, ja man wird den aberwitzigen Gedanken nicht los, daß
die Einrichtung des Notfalltelefons erst eine Vielzahl von Notfällen
geschaffen hat. Es klingt paradox: Das Notfalltelefon, entstanden
aus der Absicht, Notfällen rasch und wirkungsvoll begegnen
zu können, ist mittlerweile selbst zur wesentlichen Ursache
für Notsituationen geworden. Sollte man deshalb das Notfalltelefon
nicht sofort abschaffen? Nein, in aller Deutlichkeit: nein! Denn
gäbe es diese Kommunikationsmöglichkeit nicht, würde
der geregelte Unterrichtsbetrieb in unserem Schulhaus zusammenbrechen,
endgültig zusammenbrechen. Denn entgegen allen Vorschriften
nutzen Schüler, den Begriff Notfall Gott sei Dank sehr weit
interpretierend, jenes Telefon auch in weniger dramatischen Situationen:
Vergessen
Und was wurde und wird nicht alles vergessen:
Schwimmsachen Erdkundesachen Sportsachen Sachen Brille Schlüssel Hefte Mäppchen Zeichenblock Malkasten Schulzeug Strickzeug Turnbeutel Flöte Blätter TEWsachen Turnschuhe Geld für HW Häkelzeug
Hustensaft
Genug, genug! Einleuchtender kann wohl
kaum demonstriert werden, wie wichtig mittlerweile das Notfall-telefon
zur Aufrechterhaltung regulären Unterrichts geworden ist.
Kaum auszudenken, was geschehen wäre, wenn all die genannten
Gegenstände tatsächlich nicht unterrichtlich zur Verfügung
gestanden hätten. Mindestens ein gelindes Chaos wäre
wohl die unausweichliche Folge gewesen. Eine solche organisatorische
wie inhaltliche Stütze des Lehrens und Unterrichtens darf
nicht ohne Not abgebrochen werden! Deutlicher: Das Notfalltelefon muss bleiben! Auch wenn man sich über blasse,
bewusst unklare, den offensichtlichen Missbrauch dieser Einrichtung
kaum verbergen könnende Einträge sicherlich weiterhin
mit Recht ärgern wird:
Habe anrufen müssen Georg Weigel
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