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"Die Hauptschule. Ein Nachruf.
So titelte die Wochenzeitung "DIE ZEIT vor einigen
Monaten. Die Abschaffung dieser Schulart und damit die Grablegung
des dreigliedrigen Schulsystems im Saarland war der unmittelbare Anlass für eine Zustandsbeschreibung, die einem Abgesang
auf diesen Schultyp gleichkommt. Hingewiesen wird auf den rapiden
Schülerschwund (in Nordrhein-Westfalen von 69 Prozent auf
27,8 Prozent oder in Bayern von 74,6 Prozent auf 39,9 Prozent),
von dem die Hauptschule betroffen ist. Bildungspolitiker und Bildungstheoretiker
nähmen jedoch vom "Siechtum des schwächsten Gliedes
deutscher Schuldreigliedrigkeit keine Kenntnis mehr. Ihre
Sorge gelte im wesentlichen dem Schicksal des Gymnasiums und seiner
Oberstufe. Als wichtigen Grund für den "schleichenden
Hauptschultod zitiert "DIE ZEIT Erich Rösner
vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität
Dortmund: "Verantwortlich sind die Eltern, ganz einfach deshalb,
weil sie im Interesse ihrer Kinder verantwortlich handeln.
Sie verweist damit auf die verbreitete Haltung der Eltern, dass der Hauptschulabschluß eine schlechte Voraussetzung sei,
später einen Arbeitsplatz zu bekommen. "Sie haben schlechte
Karten in einer Gesellschaft, die, wie ein Frankfurter Autohaus,
sogar einem "Handelsfachpacker am liebsten das Abitur
abverlangt. Auf diesem Hintergrund schickten Eltern, trotz aller
Lehrerurteile und Ausleseverfahren, ihre Kinder ins Rennen um
höhere Bildungsabschlüsse. Der Hauptschule wird im ZEIT-Artikel
keine Zukunftschance gegeben: Entweder müsse sie aussichtslos
mit der Realschule konkurrieren oder sie mutiere mehr und mehr
zur Sonderschule. Selbst der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums
wird mit der wenig optimistischen Bemerkung zitiert: "Die
Hauptschule hält sich nur so lange, wie Eltern und Kinder
an sie glauben.
Der Nachruf der ZEIT auf die Hauptschule muss uns als Lehrer, Schüler und Eltern dieser Schule
deprimieren. Doch um aktive Sterbehilfe zu leisten, ist unsere
Hauptschule viel zu lebendig und birgt noch viel zu viele, bisher
ungenutzte Entwicklungschancen.
Schule hat und wird sich in einer ständig
sich verändernden Gesellschaft ebenso verändern. Eine
Binsenweisheit. Technische und technologische Entwicklungen, Einstellungsänderungen
in der Bevölkerung, wechselnde Finanzsituationen u. a., all
dies besitzt Einfluss auf Schule und schulisches Tun. Allerdings
das Kind gleich mit dem Bade auszuschütten und eine Schulart
zu beerdigen, ist nicht besonders originell und beweist keine
allzu große schulprägende Kraft. Es ist nicht schwer,
nicht neu und - wie gesagt - nicht außergewöhnlich
einfallsreich, auf Fehler, Defizite und Gefahren in unserem schulischen
System und an unserer Hauptschule hinzuweisen. Dennoch seien im
folgenden, als Voraussetzung zur Skizzierung positiver Entwicklungsmöglichkeiten
der Hauptschule im allgemeinen und unserer Schule im besonderen,
einige Mängel eher stichwortartig herausgehoben.
Auf diesem Hintergrund, der nur grob
skizziert ist und sicherlich manches außer acht läßt,
sind folgende Gedankenanstöße zu sehen, über die
intensiver nachzudenken es sich meiner Ansicht nach lohnt.
· Schulen werden künftig mehr
Selbständigkeit eingeräumt bekommen müssen. Auch
die hartnäckigsten Verfechter obrigkeitsstaatlicher Entscheidungswege
werden sich einer solchen Entwicklung nicht entgegenstellen können.
Doch jetzt bereits müssen wir den vorhandenen Spielraum intensiv
nutzen. Leitfrage dabei muss sein: Was nützt unserer
Schule und unserem schulischen Tun? Und nicht: Was ist im Rahmen
der geltenden Schulordnung möglich? Oder gar: Was wird das
Schulamt zulassen?
Schule muss sich als ein unter
wirtschaftlichen Aspekten geführtes Bildungsunternehmen begreifen,
als ein - zwar besonderer, aber immerhin - Dienstleistungsbetrieb,
dessen Aufgabe darin besteht, Erziehung und Bildung möglichst
effizient und nachhaltig an junge Menschen zu vermitteln. Wir
dürfen uns also auch nicht scheuen, uns unter ökonomischen
Aspekten zu messen oder messen zu lassen.
Unabdingbar für das Überleben
einer zukunftsorientierten Hauptschule ist die dauerhafte Einrichtung
des 10. Schuljahres. Sicherlich beinhaltet eine solche Erweiterung
die Möglichkeit der Konkurrenz mit Real- und Wirtschaftsschulen.
Diese halte ich allerdings für förderlich und heilsam.
Ich denke sogar, daß die Konkurrenz der Schulen untereinander
künftig unser Schulsystem nachhaltig prägen wird.
Aussichten in einer solchen Konkurrenzsituation
werden nur Schulen haben, die ihr Image und ihr Profil ausreichend
deutlich gemacht und geschärft haben. Daran gilt es in den
nächsten Monaten und Jahren zu arbeiten. Würden wir nur einstimmen in das allgemeine Lamentieren, würden wir tatsächlich nur - um im ZEIT-Bild zu bleiben - "Sterbehilfe leisten. Dazu ist die Freude und phasenweise gar Begeisterung zu groß, die Schüler und auch Lehrer in der täglichen Arbeit an unserer Hauptschule erleben.
Georg Weigel
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