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Stephani-Volksschule Gunzenhausen

Jahresbericht 1995/96 (Hauptschule)



Hat die Hauptschule Zukunft?

"Die Hauptschule. Ein Nachruf”. So titelte die Wochenzeitung "DIE ZEIT” vor einigen Monaten. Die Abschaffung dieser Schulart und damit die Grablegung des dreigliedrigen Schulsystems im Saarland war der unmittelbare Anlass für eine Zustandsbeschreibung, die einem Abgesang auf diesen Schultyp gleichkommt. Hingewiesen wird auf den rapiden Schülerschwund (in Nordrhein-Westfalen von 69 Prozent auf 27,8 Prozent oder in Bayern von 74,6 Prozent auf 39,9 Prozent), von dem die Hauptschule betroffen ist. Bildungspolitiker und Bildungstheoretiker nähmen jedoch vom "Siechtum des schwächsten Gliedes deutscher Schuldreigliedrigkeit” keine Kenntnis mehr. Ihre Sorge gelte im wesentlichen dem Schicksal des Gymnasiums und seiner Oberstufe. Als wichtigen Grund für den "schleichenden Hauptschultod” zitiert "DIE ZEIT” Erich Rösner vom Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund: "Verantwortlich sind die Eltern, ganz einfach deshalb, weil sie im Interesse ihrer Kinder verantwortlich handeln.” Sie verweist damit auf die verbreitete Haltung der Eltern, dass der Hauptschulabschluß eine schlechte Voraussetzung sei, später einen Arbeitsplatz zu bekommen. "Sie haben schlechte Karten in einer Gesellschaft, die, wie ein Frankfurter Autohaus, sogar einem "Handelsfachpacker” am liebsten das Abitur abverlangt. Auf diesem Hintergrund schickten Eltern, trotz aller Lehrerurteile und Ausleseverfahren, ihre Kinder ins Rennen um höhere Bildungsabschlüsse. Der Hauptschule wird im ZEIT-Artikel keine Zukunftschance gegeben: Entweder müsse sie aussichtslos mit der Realschule konkurrieren oder sie mutiere mehr und mehr zur Sonderschule. Selbst der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums wird mit der wenig optimistischen Bemerkung zitiert: "Die Hauptschule hält sich nur so lange, wie Eltern und Kinder an sie glauben.”

Der Nachruf der ZEIT auf die Hauptschule muss uns als Lehrer, Schüler und Eltern dieser Schule deprimieren. Doch um aktive Sterbehilfe zu leisten, ist unsere Hauptschule viel zu lebendig und birgt noch viel zu viele, bisher ungenutzte Entwicklungschancen.

Schule hat und wird sich in einer ständig sich verändernden Gesellschaft ebenso verändern. Eine Binsenweisheit. Technische und technologische Entwicklungen, Einstellungsänderungen in der Bevölkerung, wechselnde Finanzsituationen u. a., all dies besitzt Einfluss auf Schule und schulisches Tun. Allerdings das Kind gleich mit dem Bade auszuschütten und eine Schulart zu beerdigen, ist nicht besonders originell und beweist keine allzu große schulprägende Kraft. Es ist nicht schwer, nicht neu und - wie gesagt - nicht außergewöhnlich einfallsreich, auf Fehler, Defizite und Gefahren in unserem schulischen System und an unserer Hauptschule hinzuweisen. Dennoch seien im folgenden, als Voraussetzung zur Skizzierung positiver Entwicklungsmöglichkeiten der Hauptschule im allgemeinen und unserer Schule im besonderen, einige Mängel eher stichwortartig herausgehoben.

  • Uns, der Hauptschule, laufen in der Tat Schüler davon. Die an der Hauptschule verbliebenen Schüler - gerade in den oberen Klassen - drohen zuweilen in die völlige Gleichgültigkeit oder gar Abwehr derzeitigen schulischen Angeboten und Anforderungen gegenüber abzugleiten. Schule bietet immer weniger ausdauernden Kids eben nicht die Möglichkeit des "Channel-hoppings” oder "Zappens”.

  • Das Engagement von Eltern beispielsweise anlässlich von Schulfesten ist unverzichtbar und daher nicht hoch genug zu schätzen. Dennoch ist festzustellen, dass Hauptschuleltern allzu häufig das Interesse am schulischen Geschehen abgeht. Sie finden keine Anknüpfungspunkte (wenn, dann nur an den entscheidenden Stellen: Übertritt, Abschlussprüfung) und halten die Schullaufbahn ihres Kindes bis zur 9. Klasse für ein nahezu zwangsläufiges Geschehen, das keine besonderen Entwicklungen ermöglicht.

  • Lehrer identifizieren sich zu wenig mit ihrer Schule. Sie begreifen ihre Arbeit immer noch zu sehr als isolierte hinter verschlossenen Türen ohne Bezug zum Ganzen. Als Beamte verstecken sie sich immer noch zu sehr hinter Vorschriften und Regularien.

  • Schulen besitzen einen viel zu geringen Entscheidungsspielraum und nutzen den bereits jetzt verfügbaren nicht immer.

  • Die Hauptschule - gerade auch unsere - stößt in der Öffentlichkeit häufig auf kein oder nur geringes Interesse und besitzt schon gar kein positiv besetztes Image.

Auf diesem Hintergrund, der nur grob skizziert ist und sicherlich manches außer acht läßt, sind folgende Gedankenanstöße zu sehen, über die intensiver nachzudenken es sich meiner Ansicht nach lohnt.

· Schulen werden künftig mehr Selbständigkeit eingeräumt bekommen müssen. Auch die hartnäckigsten Verfechter obrigkeitsstaatlicher Entscheidungswege werden sich einer solchen Entwicklung nicht entgegenstellen können. Doch jetzt bereits müssen wir den vorhandenen Spielraum intensiv nutzen. Leitfrage dabei muss sein: Was nützt unserer Schule und unserem schulischen Tun? Und nicht: Was ist im Rahmen der geltenden Schulordnung möglich? Oder gar: Was wird das Schulamt zulassen?

Schule muss sich als ein unter wirtschaftlichen Aspekten geführtes Bildungsunternehmen begreifen, als ein - zwar besonderer, aber immerhin - Dienstleistungsbetrieb, dessen Aufgabe darin besteht, Erziehung und Bildung möglichst effizient und nachhaltig an junge Menschen zu vermitteln. Wir dürfen uns also auch nicht scheuen, uns unter ökonomischen Aspekten zu messen oder messen zu lassen.

  • Schule muss nicht nur während des amtlich verordneten Stundenplans ein mehr oder weniger lebendiges Unternehmen werden. Sie muss sich öffnen und nach außen wirken. Dazu könnten meines Erachtens Veranstaltungen insbesondere für Eltern zu Erziehungs- und Bildungsfragen, Freizeitangebote wie Kochkurse, sportliches Training oder Computerkurse, Bildungsfahrten u. v. a. m. beitragen. Das wird zäh anlaufen, Durchhaltewillen und einer vermehrten Identifikation vor allem zunächst von uns Lehrern mit der Stephani-Hauptschule erfordern. Eine Konkurrenz zur Volkshochschule sehe ich nicht, bestenfalls eine Erweiterung und Ergänzung.

  • Schüler können und müssen vermehrt in schulisches Geschehen eingebunden und für Schulisches interessiert werden. Hier ist beispielsweise an den Sportbereich zu denken. Der Zusammenarbeit von Schule und Verein ist noch mehr Gewicht zuzumessen. Die Schule darf aber nicht nur Zulieferbetrieb für den Verein sein. Auch auf musischem oder technischem Gebiet sind verschiedene Möglichkeiten denkbar, um Schüler für Schule sogar begeistern zu können. Eltern oder auch ehemalige Schüler könnten in solchen Bereichen durchaus mitwirken. Wie wäre es denn beispielsweise mit einem Fahrrrad- oder Mofa-Reparier-Kurs? Sicherlich wäre hier auch eine Zusammenarbeit mit entsprechenden Betrieben denkbar und sinnvoll. Monatliche Discoveranstaltungen in der Schule wären sicher eine zusätzliche Attraktion für Schüler. Als einzelne Maßnahme halte ich sie aber nicht für tauglich, das Profil der Schule zu schärfen. Im besten Falle sind sie Ventil.

  • Schullandheimaufenthalte sollten in der Hauptschule zu nahezu verbindlichen Veranstaltungen gehören. In jedem Schuljahr sollte eine Klasse ein solches Vorhaben unter einem bestimmten thematischen Schwerpunkt erleben dürfen.

  • Unsere Schule sollte verstärkt mit Organisationen der Wirtschaft (Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer, Gewerkschaften), aber auch einzelnen Betrieben zusammenarbeiten. Hier kann und wird dem Arbeitskreis Schule-Wirtschaft eine wichtige Rolle zufallen. Bei Betriebserkundungen oder gar bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz könnten sich diese Verbindungen für unsere Schüler durchaus auszahlen. Auch ein Sponsoring der Schule durch Unternehmen, was es bisher ja in Grenzen auch schon gab (Sparkasse und Sport, Betriebe zahlen Zeitschriftenabonnements, Finanzierung des Computerraumes an der Stephani-Schule), sollte nicht ausgeschlossen sein.

  • Zur Selbständigkeit einer Schule gehört insbesondere auch die finanzielle Autonomie. Sämtliche Ausgaben im Rahmen des Schulhaushalts, dessen Eckpunkte von einem "Haushaltsausschuß” abgesteckt werden sollten, gehören in die Entscheidungsbefugnis der Schule. Auch bei höheren Ausgaben muß die Schule allein entscheiden können. Das kann - zugegeben - zuweilen zu Nachteilen für die Schule führen, macht aber die Schule unabhängig und fördert - in Zukunft unverzichtbar - wirtschaftliches Denken und Handeln.

  • Die Öffentlichkeitsarbeit unserer Schule muß verstärkt werden. Dies ist aber nur dann sinnvoll, wenn es tatsächlich etwas Besonderes zu berichten gibt. Berichte über Bundesjugendspiele, Weihnachtsfeiern, Schulentlaßfeiern sind häufiger öde und oft verzichtbar. Jede Schule macht das. Es gilt aber, das Besondere unserer Schule öffentlich herauszustellen und das macht nur Sinn, wenn es solch besondere Ereignisse an unserer Schule gibt. Bemühungen in dieser Richtung sind zweifellos nicht zu leugnen. Ich denke, daß Schulen untereinander heftig - sie tun es ja heute schon - konkurrieren werden. Schulen werden künftig selbständig wirtschaftende Einheiten sein, die sich der Konkurrenz stellen müssen. Dazu braucht unsere Schule ein klar umrissenes Profil, das in der Öffentlichkeitsarbeit im Mittelpunkt stehen wird. Diese wird auch Werbung mit einschließen müssen. So könnte beispielsweise ein Prospekt - als einfache Möglichkeit - alle Vorzüge und Besonderheiten unserer Schule wirksam herausstellen.

Unabdingbar für das Überleben einer zukunftsorientierten Hauptschule ist die dauerhafte Einrichtung des 10. Schuljahres. Sicherlich beinhaltet eine solche Erweiterung die Möglichkeit der Konkurrenz mit Real- und Wirtschaftsschulen. Diese halte ich allerdings für förderlich und heilsam. Ich denke sogar, daß die Konkurrenz der Schulen untereinander künftig unser Schulsystem nachhaltig prägen wird.

Aussichten in einer solchen Konkurrenzsituation werden nur Schulen haben, die ihr Image und ihr Profil ausreichend deutlich gemacht und geschärft haben. Daran gilt es in den nächsten Monaten und Jahren zu arbeiten.

Würden wir nur einstimmen in das allgemeine Lamentieren, würden wir tatsächlich nur - um im ZEIT-Bild zu bleiben - "Sterbehilfe” leisten. Dazu ist die Freude und phasenweise gar Begeisterung zu groß, die Schüler und auch Lehrer in der täglichen Arbeit an unserer Hauptschule erleben.

Georg Weigel
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