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Stephani-Volksschule Gunzenhausen

Jahresbericht 1998/99



 
Schulzeit

Bemerkungen zum Umgang mit der Zeit in der Schule

Dieser Jahresbericht steht unter dem Generalthema "Zeit". Zu diesem Thema gibt es ein schier unendliches Angebot an Literatur. Vertreter unterschiedlichster Disziplinen (Physik, Psychologie, Theologie, Soziologie, Zukunftsforschung u. a.) versuchten und versuchen die Frage, was denn Zeit sei, zu beantworten und blieben und bleiben dabei doch allesamt im Unzulänglichen stecken. Sie kommen trotz aller theoretischen Anstrengungen nicht weiter als der berühmte afrikanische Kirchenlehrer Augustinus (354 bis 430 n. Chr.), der kurz vor dem Jahre 400 in seinen "Confessiones", einem Buch für die geistige Elite seiner Zeit, die folgenden Zeilen schrieb, die seither als unverzichtbares Zitat in Abhandlungen über das Problem "Zeit" auftauchen:

"Quid est ergo ‘tempus’? Si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti explicare velim, nescio."

(Was also ist ‘Zeit’? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.)
(Zitiert nach Weis, S. 13)

Auch wenn wir uns das, was Zeit ist, nicht erklären können, gehen wir trotzdem wie selbstverständlich mit ihr um. Wir richten uns nach ihr, legen sie fest, messen sie und fällen Entscheidungen danach, nutzen sie oder auch nicht, lassen uns von ihr unter Druck setzen oder üben Druck mit ihrer Hilfe aus. Die Zeit bestimmt unser Leben, setzt uns Orientierungspunkte, gibt uns Halt und erinnert uns beständig an die schließliche Endlichkeit unserer Existenz.

Gerade die Schule scheint ohne zeitliche Einteilung und Ordnung heute nicht mehr denkbar und schon gar nicht verwirklichbar. Von der Dauer der Schulzeit über das Verhältnis von Unterrichtszeiten und Pausen bis hin zur Länge der Ferienzeiten ist alles detailliert geregelt und vorgeschrieben. Über das Problem der Zeit im Zusammenhang mit Schule nachzudenken scheint demnach ein ergiebiges Unterfangen.

Dabei geht es uns im gesamten Jahresbericht und im Besonderen in diesen Zeilen nicht um eine trockene, irgendeiner Systematik gehorchenden oder gar der Vollständigkeit verpflichteten theoretischen Darstellung, dies wollen und können wir nicht leisten, sondern um möglichst lebendige, hautnahe Einblicke in jenen Bereich, der mit dem Begriff "Umgang mit der Zeit" umschrieben werden kann. Alle Personen, die mit ihren mehr oder weniger auffälligen Verhaltensweisen diese Schilderung schulischer Zeitproblematik bereichern, bleiben selbstverständlich anonym, verdanken aber - und dies sei an dieser Stelle betont - ihre Existenz keinesfalls der fiktionalen Kraft und blühenden Fantasie des Verfassers, sind also durchaus real.

Vor der Zeit

Noch ist reichlich Zeit. Wir befinden uns sozusagen vor der Zeit, weit vor dem Beginn der durch Gongschläge - ein Kollege erforscht seit Jahren die Tonart des Mehrklangs - portionierten Unterrichtszeit. Es ist gerade einmal kurz nach sieben Uhr. Dabei zeigt die Uhr im Erdgeschoss erstaunlicherweise eine andere Zeit als jene, die ein Stockwerk höher den Gang der Ereignisse steuert. Täglich stelle ich mir die Frage, ob denn der nicht zu verleugnende Höhenunterschied Einfluss auf den Fortschritt der Zeit ausübe, folglich die Lage von Orten in unterschiedlichen Höhen über oder unter dem Meeresspiegel jeweils unterschiedliche Zeiten provoziere oder ob gar meine - zumindest phasenweise - außerordentliche Geschwindigkeit treppauf eine solch eklatante Wirkung auf die Dimension der Zeit ausübe. Doch unter dem Eindruck der sich nähernden und einen doch einigermaßen klaren Kopf erfordernden Unterrichtszeit tilge ich solche gedanklichen Abstrusitäten rasch. Dennoch bleiben Überreste, ins Gehirn eingedrungene verrückte Gedankensplitter, wirken weiter wie stecken gebliebene Pfeilspitzen und offenbaren mir - wieder einmal - mit bedrückender Deutlichkeit die Unzulänglichkeit meines geistigen Aufnahmevermögens, was die Zeitdimension angeht. Es taucht dann immer wieder jenes Flugzeugexperiment auf, bei dem ich mich so schwer tue es zu verstehen.

Da führt ein Flugzeug mit einer Atomuhr (wegen der Genauigkeit) an Bord eine Erdumrundung durch. Am Flughafen ist eine ebensolche Uhr installiert. Wenn man nun nach der Reise die Anzeige der Borduhr mit der Anzeige der Flughafenuhr vergleicht, so zeigt sich, dass die beiden Uhren einen Zeitunterschied in der Größenordnung von 10 -7 Sekunden aufweisen. Heute lässt sich diese Eigenzeitdifferenz ja tatsächlich messen. Einstein hat sie gedanklich erschlossen. Wahnsinn!

Doch ich wollte nicht theoretisieren. Noch bin ich auf dem Weg zu meinem Arbeitsplatz, ein gutes Stück vor der Zeit. 

Ich blicke in einige müde Gesichter. Von unter Zeitdruck stehenden Eltern weit vor der Zeit abgesetzt. Die Körper scheinen den Ortswechsel noch nicht wahrhaben zu wollen. Irgendwie scheinen die so früh Ausgesetzten zu hoffen, dass die Zeit rückwärts fließen möge. In sich zusammengesunken gehorchen sie noch einer anderen Zeit und erlauben den verschlossenen Mündern kaum die Erwiderung eines Grußes. Der Geborgenheit eines ungeregelten Zeitabschnitts unsanft entrissen, sind diese Schüler die ersten Opfer schulischer Zeitregulierung und haben sich zwangsweise in einer Tugend zu üben, derer unsere Gesellschaft verlustig gegangen ist: Warten.

Der Vervielfältigungsapparat übt bereits eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Ein schweißnasser Lehrerkörper beseitigt nach den rhythmisch wiederkehrenden Anweisungen des Druckerdisplays in andächtig knieender Haltung mit halbem Blick auf den unerbittlich fortschreitenden großen Zeiger der Wanduhr einen ärgerlichen Papierstau. Das heißt, er versucht dies. Der Raum füllt sich währenddessen. Und mit jedem ankommenden Kollegen wächst auch die Zahl gut gemeinter bis ironischer Lösungsstrategien. Die Zeit ballt sich, unbarmherzig beschleunigt durch nachsichtige und mitleidige bis vorwurfsvolle Blicke, denen entsprechende Erklärungen, Entschuldigungen oder - je nachdem - Selbstbezichtigungen und Ausflüchte folgen, zu einem vorgewittrigen Zustand. Dieser löst sich erst dann, wenn unter dem lastenden Zeitdruck die ersten ihr Vorhaben zu drucken entnervt aufgeben und/oder die endlich erfolgreiche Suche nach der Ursache des Malheurs der Hoffnung auf eine stressfreie vorunterrichtliche Restzeit wieder Nahrung gibt.

Gleich ist es drei viertel acht.

Zeit zu beginnen

Für manche Schüler gleicht der Gong, der die Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn einläutet, einem Startschuss. Sie befinden sich bereits seit etlichen Minuten in den Startlöchern, und einige haben sich in den letzten Minuten und Sekunden dieser Wartezeit durch ein mehr oder weniger auffälliges Heranrobben an die Treppenaufgänge einen unzulässigen, ja unerlaubten Vorsprung erarbeitet. Die Schulordnung formuliert hier klipp und klar:

Erst mit dem Gong um drei viertel acht dürfen die Schüler in den besonders geschützten Bereich ihrer Klassenzimmer eindringen.

Man muss das Ungestüme und Ungeduldige begreifen, man kann die Spannung und Vorfreude, die sich in den Gesichtern zeigt, nicht hoch genug schätzen, denn für diese Schüler kommt die Öffnung des Klassenzimmers der weihnachtlichen Enthüllung des Gabentisches gleich und sie erhoffen sich vom nachfolgenden Unterricht die Bescherung. Wenn denn das Christkind - nein, so weit lässt sich der Vergleich dann doch nicht treiben - richtiger: wenn denn die unterrichtende Lehrkraft schon anwesend wäre und dem staunenden Erwarten endlich Rechnung trüge. Es gelte, diese vorunterrichtlichen fünfzehn Minuten zu nutzen, Schülerprobleme schon jetzt aufzufangen und vielleicht zu entschärfen oder auch einfach nur zu plaudern und sich miteinander zu freuen oder auch traurig zu sein. Wie pädagogisch wertvoll könnte diese Zeit sein und sich auswirken!

Doch da ist noch die eine oder andere Unterschrift zu leisten (Das Lesen des so zur Kenntnis genommenen, beispielsweise des amtlichen Schulanzeigers, wird - das spart Zeit - verschoben und selten nachgeholt.), muss einem Ruf zur Schulleitung Folge geleistet werden oder wartet vielleicht die Kollegin mit der unaufschiebbaren Schilderung ihrer familiären Urlaubspläne in den kommenden Ferien. Immer häufiger allerdings erfolgt der Austausch ärztlicher Bulletins, was in einem von der Zeit gezeichneten, im Schnitt älteren Kollegium durchaus bereits als Bestandteil eines eingeleiteten Heilungsprozesses bzw. als Schutz vor und Immunisierung gegen drohende Krankheiten gedeutet werden darf. Dieserart Genesungsprozesse fortzusetzen dient auch die profane Entzauberung kindlicher Weihnachtserwartungen - schließlich ist die Weihnachtszeit schon überstanden oder es ist noch einige Zeit dahin - durch das dem Aufschließen des Gabenraumes folgende Abstellen der schulmeisterlichen Bücher- bzw. Aktentasche und das erneute Eintauchen in den medizinischen Disput. Erst der Acht-Uhr-Gong weist auf die kommenden Aufgaben hin und leitet das Ende der Konsilien ein.

Wenn nur schon alle Schüler anwesend wären! Nicht alle Uhren an der Schule, ob Lehrer-, Schüler- oder Schuluhren (Wir haben diesen Umstand bereits in einem anderen Zusammenhang kennen gelernt.), gehen nämlich synchron, was ja eine unbedingte Voraussetzung für gemeinsames Tun darstellte. So kommen Schüler objektiv zu spät, wobei sie subjektiv, also gemessen an ihrer Eigenzeit (Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das von mir weiter oben skizzierte Flugzeugexperiment.), durchaus pünktlich sind. Eine besondere, wachsende Schülergruppe allerdings ignoriert in äußerst absichtsvoller und gleichermaßen destruktiver Weise die schulische Zeitordnung und ersetzt sie durch eine meist in der 

Einheit "Zigarettenlänge", zunehmend auch in der Größenordnung "Intensivkuss" taktende Sonderzeit, die jene der Schule des Öfteren überlappt und verdrängt. Doch auch eine Zigarette ist endlich und der Austausch von Umarmungen und Küssen (Jener wird übrigens zuweilen mit solcher Inbrunst geübt, als gelte es einen Abschied auf Jahre hinaus zu zelebrieren.) wird mit dem Andauern der Handlung von eher nachlassenden Gefühlen gesteuert, welche die Liebesbezeugungen auf natürliche Art zeitlich begrenzen, allerdings oft genug nicht in Übereinstimmung mit der schulischen Zeit.

Doch nun ist es höchste Zeit zu beginnen.

Zeit zu lehren - Zeit zu lernen

Der Anfang ist von größter Wichtigkeit. Wo das Beginnen vernachlässigt wird, ist alles folgende Bemühen vergeblich. Auf der anderen Seite kann ein bewusst gestaltetes Anfangen über eine längere Unterrichtszeit hinweg tragen. Wenn endlich alle Schüler eingetroffen sind, ist Zeit für Rituale. Und dies ist im besten Sinne gemeint. Es ist Zeit für das Aufstehen, das Grüßen, das Beten, das Stillesein, das In-sich-hören, das Sammeln. Erst die Zeit solcher Rituale legt den Grund und schafft die Voraussetzung für die nachfolgende Zeit des Lernens.

Die allerdings beginnt, in gewissem Sinne auch ein Ritual, mit der leider viel zu oft mehrstimmigen Entschuldigung und Beteuerung, keine Zeit gehabt zu haben. Keine Zeit für Hausaufgaben nämlich. Einmal davon abgesehen, dass man Zeit nie haben, also besitzen kann, ist dies ein dreister, unzulänglicher und unsinniger Versuch eigenes Nichtstun zu verbrämen. All unsere Handlungen werden in der für uns alle gleichen Zeit vollzogen, sie gibt uns alle den gleichen regelnden Takt vor und bietet eine Grundstruktur, in die wir unsere Handlungen einbetten. Die scheinheilige Begründung für nicht gefertigte Hausaufgaben ist daher nur das Geständnis, dass einem andere Dinge - ob Einkaufen, Fußballspielen oder Schlafen - wesentlich bedeutsamer waren und somit einen bevorzugten Platz im beschränkten Zeitraster zugemessen bekamen.

Mit gleicher Penetranz heißt es in gleicher Angelegenheit nicht seltener:

"Das habe ich vergessen!"

Und ebenso gleich ist die Erklärung für diese weit verbreitete Einfallslosigkeit der Schüler. Die Hausaufgabe vergessen zu haben, bedeutet grundsätzlich nur, dass diese Tätigkeit bewusst und absichtsvoll aus dem Zeit-Handlungs-Raster gestrichen worden ist und durch eine andere, angenehmere ersetzt wurde. Damit wird nur der geringen Bedeutung Ausdruck gegeben, die dieser Aufgabe im Rahmen der eigenen zeitlich geregelten Handlungsstruktur zugemessen wird. Solche Scheinerklärungen sind nichts anderes als mehr oder weniger offene Lügen, die im Gewande vollmundiger, unschuldiger Wahrheit auftreten.

Auch uns Lehrern gehen solche Sätze allzu leicht von den Lippen:

"Dafür haben wir heute keine Zeit."

Wir wollen dadurch einen von uns ungewünschten Unterrichtsverlauf im Ansatze verhindern. Da ist bereits die Wahl des scheinbar vertraulichen Plurals "wir" verräterisch. Selbstverständlich weiß jeder Lehrer, der einen solchen Satz zum Besten gibt, dass er damit im Augenblick bloß seiner eigenen einsamen Meinung Ausdruck gibt. Er buhlt nur plump um die Zustimmung der Gemeinschaft, indem er sie kurzerhand voraussetzt.

Zum andern könnte sehr wohl Zeit für anderes vorhanden sein, wenn dem eine andere Wertigkeit im Zeit-Handlungs-Raster zugrunde läge.

Wer sein Ziel erreichen will, auch und gerade ein pädagogisches, der muss zurückgehen und warten können, der muss bereit sein, Umwege zu gehen, andere Wege zumindest in Erwägung zu ziehen und an geeigneten Stellen Pausen zu machen und zuzulassen. Wie schwer dies ist, zeigt sich allein schon an unserer Neigung, Ziele durchzudrücken und enttäuscht zu sein, sollte es einmal nicht gelingen. Dies darf nicht missverstanden werden. Ich plädiere hier nicht für eine pädagogische und didaktische Strukturlosigkeit, für die Selbstorganisationskräfte des Lernens. Nein, eher für eine Erweiterung und Vervollkommnung solcher Strukturen, in dem Sinne, dass nicht alles dem Götzen allein Fortschritt verheißender linearer Beschleunigung geopfert wird, sondern auch die Rückkehr, der falsche Weg, der Umweg, das Warten und die Pause als schöpferische und produktive Elemente des Lernens gesehen werden. "Gut Ding will Weile haben.", weiß der Volksmund und Laotse formuliert herrlich widersprüchlich: "Beim Nichtstun bleibt nichts ungetan."

Ganz so weit wie Emil Kraepelin wage ich jedoch nicht zu denken. Er schrieb vor mehr als 100 Jahren in einem Aufsatz "Über geistige Arbeit":

"Zum Heile für unsere heranwachsende Jugend hat die gütige Natur ihr ein Sicherheitsventil gegeben, dessen Wert nicht hoch genug gepriesen werden kann - das ist die Unaufmerksamkeit. Daraus ergibt sich die unerwartete Folgerung, dass bei der heutigen Ausdehnung des Unterrichts langweilige Lehrer geradezu eine Notwendigkeit sind. Würden alle Lehrer verstehen, bei ihren Schülern ein hinreichendes Interesse für ihren Unterrichtsgegenstand zu erwecken und wach zu halten, so würden die Kinder trotz rasch wachsender Ermüdung zu dauernden geistigen Kraftanstrengungen geführt, deren Folgen wir gar nicht zu übersehen vermögen."

(Zitiert nach Geißler, S. 187 f.)

Nein, so weit will ich in der Tat nicht gehen. Das könnte gehörig missverstanden werden.

Langsamere Lehrer: ja.

Langweilige Lehrer: unbedingt
nein.

Ruhezeit

Von einem bayerischen Kloster berichtet der Chronist über die Gewohnheiten der dort lebenden Mönche. So hätten sich jene auf dem täglichen, morgendlichen Wege vom Dormitorium, den Schlafräumen des Klosters also, zum Gebet in die Klosterkirche stets nur sehr gemächlichen, schleppend-schlurfenden Schrittes bewegt, während sie den etwa gleich langen Rückweg vom Morgengebet zum Refektorium, dem klösterlichen Speisesaal, locker und mit freudigen Schritten in der halben Zeit schafften. Man mag diese erstaunliche Beschleunigung auf die wundersamen Wirkungen des Gebets zurückführen, doch hätten sich die Mönche erstens solcherart zu erwartender Labsal (gemeint ist das Gebet) wohl schon etwas rascher genähert und zweitens ist Gott, und dieses Argument ist noch überzeugender, mit Sicherheit kein Gott der Beschleunigung und Geschwindigkeit, sondern der Langsamkeit, der Entschleunigung, des allmählichen Werdens und Reifens. (Auch wenn er zu raschen, überraschenden Entscheidungen und Handlungen fähig ist, was die grundsätzliche Haltung jedoch nur unterstreicht.) Hier liegt seine Kraft - und auch die unsere. Getrieben oder gezogen hat die bayerischen Mönche ein ganz weltliches Bedürfnis: Das Bedürfnis nach einer Pause.

Zumindest in dieser Auffälligkeit ähneln unsere Schüler Mönchen und Nonnen. Und das ist gut so. Pausen schaffen Distanz und nehmen Druck. Sie ermöglichen die Rückbesinnung auf die eigene Person, führen vom Fremdbestimmten in genormter Zeit zum Selbstbestimmten.

"Kinder und Uhren dürfen nicht ständig aufgezogen werden. Man muß sie auch gehen lassen.", wusste bereits Jean Paul.
(Zitiert nach Geißler S. 187)

Pausenzeiten sind zwar bei weitem nicht das Wichtigste am schulischen Tun und doch wäre ohne sie alles Bemühen während der Unterrichtszeit vergebens. Pausen sind das wichtige Dazwischen, ohne das das Davor und Danach nicht existieren könnte. Die Pause formt, strukturiert und gibt Gestalt.

Wie heißt es in Christian Morgensterns Gedicht so treffend:

Es war einmal ein Lattenzaun,
Mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.
Ein Architekt, der dieses sah,
stand eines Abends plötzlich da -
und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein großes Haus.
Der Zaun indessen stand ganz dumm,
mit Latten ohne was herum.

Ein Anblick gräßlich und gemein.
Drum zog ihn der Senat auch ein.
Der Architekt jedoch entfloh
nach Afri- od- Ameriko.

Lockt in eine Pause zudem noch ein leckeres Pausenbrot oder in die Ruhezeit zwischen Vormittags- und Nachmittagsunterricht ein kräftigendes und geschmackvolles Mittagessen, so ist die Erhöhung der Schrittfrequenz beim Verlassen des Schulgebäudes durchaus nachvollziehbar und verständlich.

Doch sehr rasch spüren die Schüler, dass die Pausenzeit viel zu kostbar ist, als dass man sie beschleunigt hinter sich bringen dürfte. (Ein Gefühl übrigens, das die meisten Erwachsenen verloren haben.) So stocken manche Schritte schon am Schulausgang, werden die Schülerbewegungen merklich mönchisch schleppend-schlurfend, kommen gar gänzlich zum Stillstand. Gerade auf dem Nachhauseweg wird - so lautet zumindest der Vorwurf der Eltern - getrödelt. Aber gerade diese Verlangsamung schafft die nötige Distanz, die es den Schülern erst erlaubt, sich den Unterrichtsthemen, auch und gerade in den nachbereitenden Hausaufgaben, mit frischem Interesse und wieder geweckter Neugier zu nähern.

Vor allem die Pause, die Muße, das Seele-baumeln-lassen, das selbst- und zeitvergessene Nichtstun ist ein entscheidender Motor des Lernens.

In diesem Sinne: Schöne Ferienzeit.

Georg Weigel

Verwendete Literatur:
Karlheinz A. Geißler, Zeit - "Verweile doch, du bist so schön!", Beltz Quadriga, Weinheim 1996
Kurt Weis (Hrsg.), Was ist Zeit?, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1995

 

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